Kolbermoor: Auf den Spuren der Revolution von 1918/19
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Die Wanderung beginnt am Bahnhof. 1. Im Jahr 1859 wurde hier eine Haltestelle der zwei Jahre zuvor fertiggestellten Mangfalltalbahn zwischen München und Rosenheim über Holzkirchen eingerichtet, damit Arbeiter...
Die Wanderung beginnt am Bahnhof.
1. Im Jahr 1859 wurde hier eine Haltestelle der zwei Jahre zuvor fertiggestellten Mangfalltalbahn zwischen München und Rosenheim über Holzkirchen eingerichtet, damit Arbeiter aus der Umgebung nicht zu Fuß zu den hier gelegenen Torfstichen laufen mussten und Kraft zum Arbeiten aufsparen konnten. Diese Haltestelle wurde Kolbermoor genannt, da sie am Moor nahe des Weilers Kolber gelegen war. Die Bahn ließ als größter Abnehmer des Torfs ein Verladegleis und ein Weichenstellerhäuschen in der Nähe des heutigen Bahnhofs bauen. Als im Jahr 1863 die Baumwollspinnerei ihren Betrieb aufnahm, zogen immer mehr Arbeiter hier hin und so entstand die selbstständige Ortschaft Kolbermoor. Die Stadt geht also auf eine Siedlung zurück, deren Bevölkerung zunächst fast ausschließlich aus Arbeitern und deren Familien bestand, was die starke Arbeiterbewegung vor und während der Räterepublik und selbst zu Zeiten der NS-Diktatur erklärt.
Das erste Wegstück verläuft an der Bushaltestelle Bahnhofsvorplatz vorbei und kreuzt die Bahnhofstraße an der Fußgängerampel. Es geht geradeaus weiter in die Försterstraße und dann in die übernächste Straße, die Rosenheimer Straße rechts hinein. Hier gehen wir ein kurzes Stück auf die Kirche zu. Zu unserer Linken befindet sich das Wirtshaus Mareis. Direkt dahinter biegen wir nach links in einen gepflasterten Weg, die Albert-Loher-Straße ein. Auf der rechten Seite steht das alte Rathaus. Heute befindet sich in dem reichlich bemalten Haus die Sing- und Musikschule. Wir gehen am Mareis-Saal entlang.
2. In diesem Saal wurde am 11.11.1918 der erste Volksrat gewählt und hielt in der Folge die meisten seiner Versammlungen hier ab. Der Rat beschäftigte sich hauptsächlich mit der Lebensmittelversorgung und mit Einbürgerungsfragen. Es wurden knappe Lebensmittel beim Schmuggel aus dem bäuerlichen Umland nach München abgefangen und an die Bevölkerung verteilt. Mit der Einbürgerung gab es folgendes Problem: Das Bürgerrecht musste gegen eine hohe Gebühr erworben werden. Dahinter steckt die Strategie der Spinnereileitung, „asozialen und arbeitsscheuen Elementen den Eintritt in den Gemeindeverband zu verwehren“. Wer viele Monatslöhne ausgegeben hatte, um hier wohnen und arbeiten zu können, legte sich nicht so gerne mit Vorgesetzten an und riskierte eine Entlassung. Des Weiteren kontrollierte der Volksrat die Preise von Kleidung und Genussmitteln, kümmerte sich um Straßenbauprojekte, schlug Maßnahmen gegen Arbeitslosigkeit vor und fungierte als Sprachrohr für die Bevölkerung. In den folgenden Wochen kamen ein Bauern- und ein Soldatenrat, der eine Sicherheitswache aufstellte, hinzu. Im Januar 1919 fand hier eine Neuwahl des Volksrates statt. Der Soldat Georg Schuhmann wurde zum Vorsitzenden gewählt. Das Hauptziel des Rates bleibt die Lebensmittelversorgung. Zusätzlich werden Torfmoorparzellen enteignet und an Arbeiterfamilien verpachtet. Nach der Ermordung Eisners in München war die Stimmung so aufgeheizt, dass der Bürgermeister abgesetzt wurde und Schuhmann sein Amt übernam. Als im April 1919 die Räterepublik ausgerufen wurde, erhöhte der Volksrat unter anderem die Löhne von Gemeindeangestellten, gab eine Prämie für Kriegsinvalide aus, ging gegen Ausbeutung von Lehrlingen vor und bot einen Tanzkurs an. Im gleichen Monat wurde der Rat als sogenannter revolutionärer Arbeiterrat ausschließlich aus Kommunisten neu gebildet.
Am Kanal angekommen, geht es rechts am Wasser entlang.
3. Der Kanal wurde zusammen mit dem ersten Spinnereigebäude zwischen 1861 und 1863 errichtet, um die Wasserkraft der Mangfall für die Fabrik nutzen zu können. Viele Bauern ließen sich für ein kleines Fass Bier ihre Wiesen abschwatzen.
Von hier aus kann man schon das Gebäude der Spinnerei sehen. Wir kreuzen die Brückenstraße und gehen geradeaus auf dem jetzt schmäleren Weg weiter. Das Gebäude mit Wehr über dem Kanal ist ein Wasserkraftwerk der Spinnerei. Direkt dahinter überqueren wir den Kanal auf einer schmalen Fußgängerbrücke und stehen jetzt vor dem Hauptgebäude der Spinnerei.
4. Nachdem die ursprüngliche Spinnerei an der gleichen Stelle abgebrannt war, wurde dieser Bau 1899 errichtet. Der Standort wurde wegen der Bahnanbindung und der schon erwähnten Wasserkraft gewählt. Außerdem war der Abstand zu Bad Aibling entscheidend, damit sich die Kurgäste nicht von einfachen Leuten gestört fühlen. Bezeichnenderweise war die erste überlieferte politische Aktion in Kolbermoor ein Protestmarsch von Arbeiterfrauen nach Bad Aibling im Jahr 1917, um auf die Hungersnot aufmerksam zu machen. Die Frau des Bezirksamtsmannes riet ihnen angeblich, Gras zu fressen, wenn sie nichts zu Essen haben. So höhnisch das auch klingen mag, es war gar nicht so abwegig: Einige Zeit später wurde im Miltenberger Tagblatt Grasbrot aus einer Mischung aus Roggen- und Grasmehl beworben.
Hier biegen wir gleich rechts ab, sodass wir zwischen Kanal zur Rechten und Spinnerei zu Linken entlanggehen. Anschließend kommen wir an Wohnhäusern vorbei. Dahinter gelangen wir an eine Schranke und dann auf einen Kiesweg, der sich nach etwa 100 Metern teilt. Wir biegen links ab and gehen an der Mangfall entlang, nicht mehr am Kanal. Der Landschaft auf der rechten Seite mit ihren Gräben sieht man an, dass sie des Öfteren überschwemmt wird. Links kann man Berge am Horizont sehen, besonders markant: der Wendelstein. Nach einer halben Stunde auf dem Kiesweg kommen wir an die Spitze der Spinnereiinsel. Der Rückweg führt auf der anderen Seite der Insel am Kanal entlang. Nach zwei Kilometern kommen wir an die sogenannte obere Wasserkraftanlage. Auf der anderen Kanalseite befindet sich das dazugehörige Turbinenwärterhaus. Zehn Minuten später kommen wir nach einer Rechtskurve wieder auf ein Wegstück, das wir schon vom Hinweg kennen. Wir gehen wieder an der Spinnerei entlang zurück, allerdings nicht links über die Fußgängerbrücke, sondern rechts am Kraftwerk vorbei. Wir kommen auf die Brückenstraße und bleiben in der Linkskurve darauf. Vor der Brücke biegen wir rechts ab und gehen auf der Von-Bippen-Straße am Ufer des Kanals entlang. Die Häuser rechts von uns gehören zur ehemaligen Arbeitersiedlung.
5. Von Bippen war der Name eines Spinnereidirektors, der als Stadtrat, aber vor allem als größter Arbeitgeber der Gemeinde, zeitweise einen deutlich größeren Einfluss auf die Kommunalpolitik hatte als der Bürgermeister. Als graue Eminenz war seine Macht so groß, dass er als der „baumwollene Herrgott“ bezeichnet wurde.
Die zweieinhalbgeschossigen schlichten Satteldachhäuser der Arbeiterkolonie wurden gleichzeitig mit der Fabrik errichtet und beherbegten 36 Familien in sechs Häusern. Dahinter kommen wir an 1907 bis 1913 errichteten erdgeschossigen Einfamilienhäusern mit Quergiebeln und Erkern im Cottagestil vorbei. Sie sollten Arbeitern ein heimeliges Gefühl vermitteln und so die Produktivität steigern.
Wir überqueren die Fußgängerbrücke am 1907 für Arbeiterkinder erbauten Kindergarten und gehen nach rechts auf der Friedrich-Ebert-Straße weiter, bis wir nach links in die Schuhmannstraße einbiegen.
6. Hier befand sich das letzte Wohnhaus vom Bürgermeister und Vorstand des Arbeiterrates, Georg Schuhmann.
Am Ende der Schuhmannstraße biegen wir leicht links in die Bahnhofstraße und gehen rechts an einem Brunnen vorbei, der im Jahr 1903 zur Einweihung der Kanalisation und Wasserleitung errichtet wurde. Nach 200 Metern kommen wir direkt am Bahnhof an eine Unterführung.
7. Hier an der Tonwerksunterführung wurden Georg Schuhmann und sein Sekretär Alois Lahn im Jahr 1919 von angehörigen des Freikorps Grafing ermordet. Lahns Vater beschrieb die Vorgänge dieses Tages im „Anzeiger für Kolbermoor“ folgendermaßen: „... Sonntag früh, den 4. Mai 8 Uhr kam ein Trupp Weißgardisten, 11 Mann, welche nach Alois Lahn frugen. Sie rißen ihn aus dem Bett, zerrten ihn zur Türe hinaus, warfen ihn an den jenseitigen Gartenzaun, wo er sich an einem Pfosten ein Loch in den Kopf schlug. Mir, der ich nachging, wurde mit Erschießen gedroht. Mein Sohn wurde wieder in die Höhe gerissen, mit Gewehrkolben wieder niedergeschlagen, einer schlug ihm mit der Schreibmaschine die Hirnschale ein. Nachdem er wieder aufgerüttelt worden war, wurde er von zwei gehalten, während ihn drei ausplünderten (Geld, Brieftasche, Habseligkeiten). Ein Teil des Trupps, ein Leutnant und
3 Mann sprengten währenddessen in der Wohnung die Kästen auf, rissen aus einem das Grammophon und demolierten es. Nahmen zwei Anzüge und ein Paar Stiefel mit. Der Leutnant wollte in seinem Kampfeifer sogar noch das 4-jährige Kind erschießen. Mein Sohn wurde durch die Straßen geschleift. ... und ohne Urteil erschossen“. Schuhmann erging es ähnlich. Die Mörder, beide Mitglieder der Thule-Gesellschaft und einer von ihnen Wahlagitator der BVP, wurden freigesprochen, weil ihnen „das Bewusstsein für die Widerrechtlichkeit der Tötung gefehlt habe.“ Andererseits wurden ungefähr
50 Kolbermoorer, die in Zusammenhang mit der Arbeiterbewegung gebracht wurden, zu teils langen Haftstrafen verurteilt.
Hier unterqueren wir die Bahnstrecke und biegen dann rechts ab. Nach ein paar Metern kommen wir an der Gedenktafel für das eben geschilderte Ereignis vorbei.
8. Es ist nicht das erste Denkmal, das daran erinnern soll. Mehrere wurden bereits zerstört. Eine Marmortafel wurde 2014 mit Hakenkreuzen und der Aufschrift „Noske, do it again!“ beschmiert. Der seinerzeitige Polizeiminister Gustav Noske war einer der Hauptverantwortlichen für die brutale Niederschlagung der Revolution 1918/19 im ganzen deutschen Reich. Den Kieler Matrosenaufstand versuchte er zu ersticken, indem er sich als SPD-Politiker an die Spitze des dort entstandenen Soldatenrates wählen ließ und diesen anschließend für aufgelöst erklärte. Später ordnete er sehr wahrscheinlich die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts an.
Wir bleiben auf dem Weg an den Gleisen entlang, bis direkt hinter dem Betonwerksgelände ein Kiesweg nach links in den Wald führt.
9. Als Ende April 1919 Weiße Garden Rosenheim und Umgebung einnahmen, formierten sich Spinnerei- und Tonwerksarbeiter, Mitglieder der Arbeiterwehr und Flüchtlinge aus der Umgebung zu etwa 600 Mann starken Roten Garden. Am 2. Mai kam es zu ersten Schießereien mit Freikorps. Die Weißen Garden waren allerdings, ausgestattet mit dem damals modernsten Kriegsgerät aus dem Weltkrieg, überlegen. Deshalb unterzeichneten die Kolbermoorer am 4. Mai einen Übergabevertrag und waren damit die letzten in Bayern, die vor der Konterrevolution kapitulierten. Gegen die Vertragsbedingungen marschierten trotzdem zahlreiche Freikorps auf eigene Faust in Kolbermoor ein und begannen mit Plünderungen und Misshandlungen, außerhalb ihres Panzerzuges oder der Bauernhäuser am Ortsrand trauten sie sich allerdings nicht zu übernachten.
Hier in der Nähe, damals hinter dem letzten Haus in Richtung Rosenheim, wurden zirka 30 Rotgardisten von Freikorps gezwungen, sich am Bahndamm aufzustellen. Es standen Maschinengewehre zur Erschießung bereit, jedoch kam im letzten Moment ein Offizier der weißen Garden angeritten und befahl, dass die Rotgardisten ein Gerichtsverfahren bekommen. Sie wurden also mit etwa 20 anderen in Viehwagen gepfercht, mussten einzeln einsteigen und dabei Schläge mit Gewehrkolben und Stabgranaten über sich ergehen lassen und wurden dann nach München zum Gericht transportiert. Kolbermoor blieb noch lange vom Militär besetzt, weil große Teile der Bevölkerung ihre politisch linke Gesinnung nicht aufgegeben hatten. Der „Kolbermoorer Anzeiger” schrieb: „Wo ist die Beflaggung geblieben und die Blumen für die Befreier? Nur finstere Gesichter konnten diese sehen.“. Währenddessen bedankte sich die bürgerliche Presse im Namen aller Einheimischen bei den weißen Garden für die Wiederherstellung des Friedens.
Bei der nächsten Abzweigung bleiben wir rechts auf dem Tonwerksrundweg. Links taucht bald der erste Tonwerkweiher auf.
10. Die Weiher waren früher Tonwerksgruben für die Tongewinnung. Das Tonwerk wurde im Jahr 1875 errichtet und erstreckte sich über das Gebiet des heutigen Betonwerks bis über die Weiher hinaus und war neben der Spinnerei der zweitgrößte Arbeitgeber Kolbermoors.
Nachdem es ein paar Meter bergauf ging, folgen wir den Schildern zum Lehrbienenstand. Wir kommen aus dem Wald heraus auf eine Wiese und bald am Lehrbienenstand vorbei zum zweiten Weiher. In einer Linkskurve mit Holzgeländer bleiben wir links auf der Tonwerkweiherrunde in Richtung Kolbermoor. Wenn wir wieder ins Siedlungsgebiet kommen, folgen wir der Grillparzerstraße bis zur Tonwerksunterführung, die wir erneut passieren. Schließlich biegen wir nur noch links ab und gehen die letzten Meter zum Bahnhof hinauf, wo wir wieder am Ausgangspunkt der Wanderung angelangt sind.
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